Bea (1/2)

Wie verändert sich unsere Welt durch den Wunsch nach mehr Internationalität, durch den Kontakt zu anderen Nationalitäten und durch ein Leben in Russland? Welche Impulse nehmen wir mit? Welchen Einfluss hat dies auf die Welt von anderen? Ich habe Bea von Berlinograd danach gefragt und hier könnt ihr ihre spannende Geschichte lesen! Über die deutsche Welt und die russische Welt und wie man beides miteinander kombinieren kann 😉

„Das Leben in Russland war toll! Ganz anders, sehr leidenschaftlich!“

Ich wollte schon immer nach Amerika. Ich war mit 18 in New York, als Aupair Mädchen. Als ich dann in New York war, habe ich gemerkt „oh viele Menschen, viele Kulturen, viele Sprachen“ und habe angefangen, mich dafür zu interessieren. Ich hab ganz viele Menschen kennen gelernt, hab angefangen mich für Sprachen und englisch lernen zu begeistern und da ist New York natürlich perfekt, weil da so viele Kulturen leben. Sehr Multikulti.

Und bin dann zurückgekommen nach Trier und habe mich entschieden, mein Abi nachzumachen, weil ich gemerkt habe, dass da so viel ist, was ich wissen will, was ich machen will.

Als ich erfahren habe, dass ich am Wirtschaftsgymnasium in Trier angenommen wurde, war ich nur am Heulen und wollte halt nicht in Trier bleiben. Ich wollte einfach weg, habe aber trotzdem mein Abi dort gemacht.

Und die, die ich am liebsten mochte in meiner Klasse, waren entweder Russen oder Araber.

Die Russen haben mich am meisten interessiert, die Araber fand ich auch total spannend und da ich habe schon gemerkt, dass ich einen Drang zu Menschen mit Migrationshintergrund habe. Also natürlich verstehe ich mich gut mit Deutschen, aber die Russen fand ich doch am Interessantesten.

Und dann hab ich mir überlegt, entweder Arabisch oder Russisch zu studieren und ich hatte damals einen ganz tollen Biolehrer, der früher mal Ingenieur in Saudi-Arabien war. Der hat mir davon abgeraten Arabisch zu studieren. Es wäre sehr schwer später in den arabischen Ländern zu leben, gerade als Frau aus dem Westen.

Also hab ich mich für Russisch entschieden und bin dann nach Mainz gegangen. Da habe ich dann Russistik, europäische Geschichte und Amerikanistik im Nebenfach studiert.

Im Studium bin ich dann nach Russland. Ich war insgesamt eineinhalb Jahre da. Zweimal ein halbes Jahr in St. Petersburg und hab ein Praktikum bei der Deutschen Botschaft in Moskau gemacht.

Das Leben in Russland war toll! Ganz anders, sehr leidenschaftlich. Aufregend anders. Die Russen, mit denen ich zu tun hatte, waren sehr einfache Russen, ich würde sagen Arbeiterklasse. Ich war auch mit Akademikern befreundet. Ich war also in zwei Kreisen drin. Aber ich mochte dann immer, dass sie aus wenig viel gemacht haben.

Ich fand die Russen immer sehr kreativ. Ich hab immer gesagt, die Deutschen habe eine Waschmaschine zum Waschen, eine Spülmaschine, um Geschirr zu waschen, in Deutschland gibt es für alles etwas. Sogar einen Kartoffelschäler, um Kartoffeln zu schälen. In Deutschland ist nicht viel Kreativität gefragt.

Die Deutschen brauchen immer ein Café, ein Restaurant oder einen Club wenn sie abends ausgehen. Und die Russen kaufen sich Dosenbier und sitzen am Strand. Oder gehen spazieren. Sie sind viel kreativer in der Abendgestaltung. Sie brauchen nicht immer eine Institution, um was zu unternehmen. Russen sind irgendwie freier, während die Deutschen eher unflexibel sind. Das habe ich immer sehr an den Russen geschätzt. Es war immer schön, lustig, leidenschaftlich.

Wenn ich den Unterschied genauer beschreiben müsste, würde ich sagen, dass Deutsche so ein kleines Quadrat kennen. Deutsche gehen immer an die Grenzen, an die Linien vom Quadrat. Die Russen haben noch ein kleineres Quadrat, aber sie schießen immer da raus. Russen sind oft erstmal etwas unfreundlich, aber sie sind total ehrlich und meinen es sehr ernst. Ähnlich wie die Berliner.

Sie nannten mich liebevoll “Beatschka” oder “Bejika” – die Koseform von meinem Namen “Bea”.

Und wie mich alle aufgenommen haben in Russland! Sie haben mich als ihre Deutsche aufgenommen.  Ich war immer mit dabei und es war egal, dass ich Deutsche war. Ich habe zum Beispiel in St. Petersburg bei einer jüdischen Oma und einer jungen, jüdischen Medizinstudentin gelebt. Ich war als deutsches, junges Mädchen mitten drin und Teil der Familie. Das war sehr schön.

Auch meine Freunde, die in St. Petersburg waren, die haben alle nicht so viel Geld, aber sie haben mich genauso aufgenommen als wäre ich eine von ihnen.

Wobei ich finde, dass Deutsche auch sehr herzlich sind, auch sehr offen, aber da dauert es immer so ein bisschen bis man in die Mitte aufgenommen wird. Bei den Russen dauert es auch ein bisschen, aber der Icebreaker ist dann natürlich Wodka trinken und sich kennen lernen, abends rausgehen und dann wird man sehr schnell in den Kreis aufgenommen. Und dann ist es auch egal, ob du Geld hast, ob du aus Deutschland bist. Das mochte ich sehr.

Es ist natürlich schwer, wenn man kein Russisch kann. Ich fand das Leben in Moskau sehr schwer. Also ich bin eigentlich jedes zweite Wochenende nach St. Petersburg gefahren, weil die Moskauer sehr unfreundlich sind. Die Moskauer haben nicht so viel Verständnis, wenn du nicht so schnell Russisch sprichst. Sie sind sehr hart und sehr unfreundlich. Moskau ist auch sehr teuer. Das war sehr schwer für mich.

Die Russen da sagen immer „Lächeln ist ein Zeichen von Geisteskrankheit, von Dummheit“. Also wer viel lächelt, der ist dumm, sagt man. Und so ein positiver Mensch wie ich, da wurde ich teilweise behandelt als wäre ich dumm. Das war halt in St. Petersburg anders. Die können mit positiven Menschen was anfangen.