David Gee (3/3): Über die Geschichte der Straßenkunst in Amerika, Europa und Australien

Auf der Straße aufzutreten kam nach meinem ersten Sommer, in dem ich als Mechanischer Magier in L.A. auftrat.

 

Ich musste nach San Francisco gehen und als ich dort oben war, sah ich mir die Clubszene an und dachte, ich könnte hier als Mechanischer Magier arbeiten. In dieser Zeit sah ich zum ersten Mal ein paar Leute auf der Straße auftreten, am Fisherman’s Wharf.

Ich bin vorher schon mal ein bisschen auf der Straße aufgetreten. Ich dachte niemals, dass ich damit Geld machen könnte. Ich sah mir die Jongleure, Mimen, Clowns und Magier auf der Straße an und sie machten wirklich gutes Geld damit.

 

Ich habe einen Auftritt in einem Club in San Francisco bekommen, aber sie haben mir nur 50Dollar für 4 Nächte Arbeit gezahlt. In L.A. habe ich 250Dollar für 3 Nächte bekommen. Glaub es oder nicht, ich habe den Job genommen, weil ich ihn gebraucht habe.

 

Da entschied ich auf der Straße zu arbeiten.

 

Als ich die erste Stunde auf der Straße auftrat, kam ich mit 65 Dollar in meiner Hand zurück. Wer braucht schon Clubs? Arbeite auf der Straße! Das ist es, wo das Geld herkommt!

 

Ich entschied in den Norden zu gehen, ich bin in San Francisco am Kai zwei Jahre lang aufgetreten. Winter und Sommer. Dann hat mir jemand von Europa erzählt und wie die Leute dort die Straßenkünstler respektieren.

 

In Amerika denken die Leute “Warum suchst du keine richtige Arbeit!” Wenn du auf der Straße bist, kannst du nicht sehr gut sein, das ist das amerikanische Denken.

In Europa machst du einen wirklichen Job, du machst Leute glücklich

 

In Europa waren in den 1980ern Jongleure, Akrobaten, Pantomimen, Clowns, Magier; es war jeden Tag wie ein Zirkus! Jeden Tag der Woche konnte man sehr schöne Shows sehen. In allen großen Städten in Europa.

 

Als ich zum ersten Mal den Pompidou in Paris sah im Jahr 1983, waren dort überall Straßenkünstler! Da waren 12 – 13 Künstler, alle machten ihre Show zur gleichen Zeit und tausende Leute spazierten herum und schauten zu. Es ist so traurig, dass das nicht mehr passiert.

 

In den 70ern und 80ern gab es dort wirklich schöne (Straßen-) Kunst und ich war Teil davon. Als ich nach Zürich reiste, traf ich Leute, die ich in Paris oder Berlin getroffen hatte.

 

Ich spielte in Düsseldorf, Rotterdam, London, in so vielen Städten, ich kann gar nicht mehr sagen, wo überall. Ich spielte in all diesen Städten, traf auf Freunde und neue Künstler.

 

Es war die beste Zeit, um auf den Straßen von Europa aufzutreten.

 

Wenn der Winter kam, flog ich nach Australien und machte dort das Gleiche.

 

Die Straßenkünstlerszene fing nicht vor den späten 80ern an. Aber ich war da ‘83/’84 und ich war der einzige Straßenkünstler in Surfer’s Paradise. Es gab keine andere Show. Dasselbe in Sydney, Melbourne. Ich habe eine Menge Geld gemacht.

 

Wenn es Winter in Australien war, bin ich wieder zurück nach Europa gegangen. Das machte ich so von 1983 bis in die 1990er. Ich trete immer noch auf, aber ich hörte auf nach Australien zu gehen als ich Marta heiratete.

 

Ich nannte es “der Sonne folgen”, ich war sehr gut darin.

 

Ich mache immer noch Straßenkunst und trete auf Festivals auf, aber es ist nicht mehr das Gleiche wie früher.

 

Der Mann auf der Box änderte alles

 

Erst einmal war in den 80ern jeder Tag wie ein Festival. Es gab 3 oder 4 Straßenkünstler, die einen Platz nutzten. Es war immer etwas los, jeden Tag in der Woche.

Damals, in 1985, kam ich gerade aus Australien zurück. Ich hatte ein Zimmer in Amsterdam und da war dieser Mann am Dam Square. Es waren auch Jongleure da; ein Mann, der Ballons knotete; ein Magier, den ich kannte und dann war da noch dieser schwarze Mann auf einer Box.

 

Er hatte ein Schild aufgestellt, das sagte “The Original Human Statue” und er hielt eine Tasse in der Hand, für das Trinkgeld.

 

Ich habe mir nicht viele Gedanken über ihn gemacht, er sah nicht wie eine Statue aus und er hatte auch kein Kostüm. Und er konnte auch nicht so still stehen wie ich. Einige Leute haben ihm zugeschaut, aber niemand gab ihm Münzen.

 

Ich habe für ungefähr eine Woche in Amsterdam gearbeitet und dieser Mann auf der Box war auch da. Ich kam ihm nicht in die Quere. Er wurde wütend wenn ihm niemand Geld gab. Er kam dann von seiner Box runter und schrie die Leute an.

 

Ich machte meine Tour durch Europa, der Winter kam und ich ging zurück nach Australien. Nach Europa kam ich 1986 zurück. Ich lief vom Bahnhof zu meinem Zimmer in Amsterdam und da war ein Mann auf einer Box, nicht der Gleiche wie im letzten Jahr, sondern ein anderer. Er hatte eine Tasse in seiner Hand und gab vor, eine Statue zu sein.

 

Ich lief zwei Straßen weiter und auf der anderen Seite der Straße war noch ein Mann auf einer Box mit einer Tasse in der Hand! Ich ging weiter und da war noch einer.

 

In diesem Sommer habe ich 11 verschiedene “Kistenschnecken” in Amsterdam. Ich nenne sie “Kistenschnecken”, weil sie auf einer Kiste stehen und sich so langsam wie eine Schnecke bewegen.

Ich dachte “das ist nicht gut”

Das war ’86.

 

Als ich in diesem Sommer durch Europa zog, waren dort “Kistenschnecken” in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und sogar in Dänemark, sie haben sich überall multipliziert. 1989 gab es sogar einen Mann auf einer Box in Sydney.

 

Als die 90er kamen, gab es keine guten Straßenkünstler mehr. Die wirklich Guten verließen die Straße und traten auf Festivals und bezahlten Gigs auf. Der Zirkus hatte die Stadt verlassen.

 

Ich hatte Probleme damit, eine Menge auf der Straße zusammen zu kriegen. Bevor diese Typen auf den Boxen auftauchten, stand ich nur ein kleines bisschen auf der Straße in irgendeiner Stadt und innerhalb von 2 bis 3 Minuten haben mir 30-40 Leute zugeguckt.

 

Weil ich meine Show erst anfange, wenn mir jemand eine Münze in den Hut wirft, haben die Leute gedacht, ich wäre eine von den Kistenschnecken (nur ohne Kiste) und ich konnte niemanden dazu bringen, anzuhalten und mir zuzuschauen.

 

Manchmal, wenn es 5 oder mehr von diesen Typen in einer Stadt gab, ist niemand stehen geblieben und hat mir zugeguckt. Ich musste die Stadt verlassen.

 

Ich glaube, dass die Männer auf den Boxen die Straßenkunst töteten (so wie ich sie kannte).

Sie haben das Niveau der Straßenkunst überall gesenkt. Sie haben keine Show, bei ihnen gibt es wirklich nichts Unterhaltsames.

 

Warum ich meine Arbeit liebe?

Es wird nie langweilig. Ich bin ein Menschenfreund und ich schaue ihnen mit Lachen im Herzen zu. Wie sie auf mich reagieren, es ist so lustig und ich liebe es und ich weiß nie, was eine Person machen wird.

Ich liebe es, Menschen zum Lachen zu bringen, ich liebe die Freiheit. Ich bin mein eigener Chef, ich liebe es zu reisen.

 

Was kann man daran nicht lieben?