Der Frisör im Knast

Wie kamst Du dazu im Gefängnis Haare zu schneiden?

Bei einer Tagung des Frisörverbands habe ich einen Referenten kennengelernt, der mich ein paar Monate später anrief und meinte „Sie müssen mir helfen. In einer Justizvollzugsanstalt haben wir seit Monaten keinen Frisör und wir finden keinen. Können Sie mir jemanden schicken?“

Ich habe Kollegen gefragt, die wollten nicht hin. Also habe mit der JVA telefoniert und nachdem wir die Bezahlung ausgehandelt hatten, fing ich an dort zu arbeiten.

Am Anfang war ich drei Tage die Woche dort zum Haare schneiden, aber es waren einfach zu viele. Dort sind über 500 Häftlinge, ausschließlich Männer. Ich habe um 10 Uhr angefangen und bis 21 Uhr gearbeitet. Das war Akkordarbeit.

Ich habe dann rumtelefoniert und zwei Kollegen gefunden, die mitgekommen sind. Am ersten Tag haben wir zu dritt gearbeitet und die anderen zwei Tage bin ich alleine zur JVA. Danach habe ich dann noch einen weiteren Kollegen und eine Kollegin mitgenommen, sodass wir an einem Tag zu fünft arbeiten und ich nicht mehr bis 21 Uhr bleiben muss.

Wie läuft es ab?

Wenn ich morgens ankomme, wird mein Werkzeug aufgelistet, es wird eine Eingangskontrolle gemacht Ich werde abgetastet und gehe durch eine Schleuse. Mein Werkzeugkoffer wird untersucht, alles wird aufgelistet, dann wird er wie am Flughafen gescanned und ich werde abgetastet. Ich darf nichts mit in die JVA nehmen, kein Schlüssel, kein Portemonnaie, kein Handy, kein Geld. Uhr, Ring, Brille darf ich anlassen. Meine privaten Sachen, wie Autoschlüssel und Personalausweis, werden eingeschlossen und dann bekomm ich das später wieder.

Hier wird sehr großer Wert auf Hygiene gelegt, viel mehr als in der freien Wirtschaft.

Scheren und Rasiermesser sind verboten. Ich mache alles nur mit Kamm, Maschinen und Aufsetzer. Ich schneide Haare und Bart. Mehr nicht und jede Stunde wird das Werkzeug noch einmal kontrolliert.

Da sind Glatzen dabei, das sind vielleicht 10-15%, und der Rest hat moderne Kurzhaarschnitte. Oder die wollen mal ein Muster rein haben. Haare färben mache ich nicht.

Die Häftlinge dürfen sich ihre Frisur aussuchen. Die neuen Häftlinge, wenn sie noch lange Haare haben, fragen dann oft „Kann ich mir jetzt was wünschen?“

Es ist immer nur ein Insasse mit mir im Raum. Und es ist immer Routine, sehr zurückhaltend, keine privaten Gespräche. Die Häftlinge wollen sich aber auch nicht unterhalten. Es kann vorkommen, dass mal einer erzählt, ich solle ihm einen guten Haarschnitt machen, weil er die nächste Woche Verhandlung hat. Und dann frag ich auch mal nach, was dabei raus kommen könnte. Ob Bewährung  oder weitere zwei Jahre im Knast.

Aber mir hat noch nie ein Inhaftierter erzählt, warum er da ist. Das ist verboten, dass ich danach frage und die Häftlinge wollen das auch nicht erzählen. Und auch wenn ich was da hören würde, dürfte ich es draußen auch gar nicht erzählen. Das wäre ein sofortiger Kündigungsgrund.

 

Hattest Du Bedenken, dass Dir da etwas passieren könnte?

Meine Frau hatte Bedenken, ich nicht. Ich habe eine Sicherheitsbelehrung bekommen, ich habe ein Notrufgerät am Mann, es ist kameraüberwacht und Vollzugsbedienstete sind immer da.

Warum sollten die mich auch verletzen wollen? Der kommt ja nicht aus dem Raum raus, der hat ja nichts davon. Die tuen sich eher untereinander oder einem Beamten was als mir. Ich stell mir das immer so vor: Wenn mir einer was tun würde, dann kriegt der die Quittung von den anderen Häftlingen, weil ich dann nicht mehr kommen kann.

Wir sind auch noch nie bedroht worden. Wir sind auch noch nie angesprochen worden, etwas zu machen oder was rauszubringen, was mitzunehmen, das kam noch nie vor. Würde ich auch nie machen, da käme ich ja selbst ins Gefängnis. Ich bin doch nicht blöd.

In den ganzen Jahren, die ich jetzt dort arbeite, gab es noch nie einen Vorfall.

Meine weiblichen Kolleginnen hatten auch keine Bedenken. Sie sind durch mich gebrieft worden und sie wissen, wie sie sich verhalten müssen. Meine eine Kollegin war beim ersten Mal natürlich total aufgeregt und nervös, weil sie nicht genau wusste, was auf sie zukommt. Beim zweiten Tag war es dann schon besser.

Die Inhaftierten freuen sich auch, dass wir Frisöre kommen, weil es Abwechslung für sie bringt, da die Sicherheitsbestimmungen sehr streng sind. Vom Gesetz her steht ihnen eine Stunde Aufenthalt im Freien – Hofgang – zu, Freizeitmaßnahmen und Sportmöglichkeiten sind ein Angebot der Anstalt.

 

Wie stehst Du zu der Arbeit?

Das ist nichts Spezielles. Ob ich jetzt im Krankenhaus arbeite, im Kloster den Mönchen die Haare schneide oder den Inhaftierten im Gefängnis, es ist ein Job. Klar, am Anfang war das für mich auch aufregend. Aber nach so vielen Jahren ist das alles normal. Ich gehe hin, schneide die Haare, geh raus und bin fertig.

Ich habe es nie bereut und hatte nie den Gedanken, dass ich nochmal im Laden arbeiten möchte. Das war mein Lebenswerk, mich selbständig zu machen, Erfolg zu haben, Filialen aufzubauen und das hat funktioniert. Ich habe meine Arbeit geliebt und für mich war da immer die Frage „Jetzt kommt ein Engel und sagt zu dir, du darfst nicht mehr Frisör sein, was machst du dann?“ Das weiß ich nicht. Ich wüsste nichts, weil es ist mein Leben. Ich bin seit fast 50 Jahren Frisör, ich hab es gut gemacht, mit Erfolg und mache meine jetzige Arbeit auch gern.

Ich mache das wirklich gerne. Es macht Spaß. Ich mache das wie jede andere Arbeit auch. Ob ich in meinem Laden arbeite oder in der JVA, die Häftlinge werden von mir genauso behandelt mit dem gleichen Respekt wie jeder andere Kunde auch.

Das sind für mich keine Gefangenen, sondern Kunden. Ich sehe sie wirklich als Kunden und das wissen die auch. Das schätzen sie auch sehr. Es ist ein ganz angenehmes Vertrauensverhältnis.