Ein langes Wochenende auf Mallorca

 

 „Im Norden ist es ganz anders“, hat meine Schwester gesagt.

„Da ist es viel schöner“, hat sie gesagt.

„Nicht so wie Palma. Nicht so, wie du denkst.“

Ich werde (zunächst) eines Besseren belehrt. Es ist noch viel schlimmer!

 

Meine Vorstellung von Mallorca?

Überlaufene Strände, viele Deutsche, vor allem viele am Strand Bier trinkende Deutsche, Partymeile, mega touristisch.

 

Cala Rajada

Bei meiner Ankunft bin ich bereits sehr erstaunt, dass in der Mietwagenstation fast selbstverständlich deutsch gesprochen wird. An der Rezeption meiner Unterkunft ebenso. Da denke ich mir noch nicht viel dabei.

 

Morgens um 9:30Uhr höre ich vom Balkon über mir:

„Mädels, wollen wir heute mal einen Alkoholfreien Tag machen?“

Stille.

„Also nur am Strand, nicht heute Abend.“

„Ok!“

 

Cala Rajada (hier ein passender Artikel: „Wo die Deutschen Ferien machen“) , ein Ort, an dem Souvenirläden en masse an den Straßen aufzufinden sind. Eine Hotel- und Apartmentanlage nach der nächsten. 30 Minuten laufe ich umher und höre nicht ein einziges Wort Spanisch. Oder irgendeine andere Sprache.

 

Nur Deutsch.

Ich werde auf der Straße auf Deutsch gegrüßt.

Werbetafeln, Menüs, Namen von Restaurants? Alles Deutsch.

Die Gerichte? Pizza, Spaghetti Bolognese, Döner, Schwarzwälder Kirschtorte.

 

An einem der schönsten Strände Mallorcas, Cala Agulla, will ich erst direkt wieder umdrehen.

Es reihen sich einer schön nach dem anderen: Deutsche.

Viele Familien, viele junge Leute. Die „Junge“ Fraktion selbstverständlich mit Bier im durchsichtigen Plastikbecher. Immerhin hält sich diese Gruppierung in Grenzen.

Ich halte es gerade so eineinhalb Stunden aus.

Als ich den Flug buchte, habe ich zwar damit gerechnet, dass auf Mallorca viele Deutsche und generell viele Touristen sein werden, aber darauf war ich nicht vorbereitet.

 

 

Nach kurzem Googeln setze ich mich ins Auto und fahre zu einem kleineren Strand: Cala Torta. Nett, aber immer noch sehr viele Deutsche. Einmal über einen kleinen Hügel drüber und vor mir liegt ein kleiner, ruhiger Strand (Cala Mitjana) mit wenigen Menschen, zu meiner Freude höre ich auch Englisch und Französisch. Jetzt kommt endlich ein bisschen Urlaubsfeeling auf.

 

 

Den ganzen Mittag denke ich darüber nach, wie Massentourismus einen Ort verändern kann.

Kulinarische Angebote werden an den Touristengaumen angepasst.

Die einheimische Sprache wird vernachlässigt zugunsten von Touristengruppen.

Die Umwelt wird achtlos zugemüllt mit Bierdosen und Plastiktüten.

Eine Aktivität nach der anderen wird angeboten – zu Lasten der Umwelt.

 

Und immer wieder frage ich mich mit schechtem Gewissen: Ohje, wie muss es den Menschen gehen, die hier leben und vom Massentourismus überrannt werden?

 

Billig-Airlines wie Ryan Air machen es einem heutzutage so verdammt einfach über’s Wochenende nach Mallorca zu fliegen. Wer macht sowas? Wer verschmutzt die Umwelt nur für einen Wochenendtrip?

Ich.

Gleich nachdem ich den Flug gebucht hatte, habe ich an Greenpeace gespendet. So ganz konnte das mein schlechtes Gewissen trotzdem nicht abstellen.

 

Während ich anfange Notizen für diesen Artikel zu schreiben, sammeln sich bereits Gruppen von Männern und Frauen vor der gegenüberliegenden Apartmentanlage. Es wird gegrölt, gekreischt, es ist laut.

Ein Taxi fährt vor, nimmt die ersten mit. Fährt weg. Das nächste hält.

 

Ein paar Apartments weiter wird die Karaokemaschine angeschmissen

und ein paar Jungs grölen lauthals deutschen Schlager mit.

„Ey, macht mal leiser!“ schreit es vom Balkon neben mir.

Und gleich darauf die gleiche Stimme: „Ey, ihr da, das macht man hier nicht! Wir sehen euch!“

 

Ich schaue vom Balkon. Unten stehen zwei Jungs Anfang zwanzig, Oberkörperfrei und im Begriff in die Büsche zu pinkeln.

Ich bin kein Mensch für solch einen Ort.

 

Alcudia

Zwei Tage später kommt meine Schwester an und wir fahren nach Alcudia.

„Da ist es wirklich anders.“

Ein schlechtes Gewissen plagt sie, nachdem ich sie die letzten zwei Tage bereits mit whatsapp  Nachrichten über den Stand der Dinge versorgt habe – inklusive eine Audionachricht mit der Karaoke-Einlage der besoffenen Jungs.

 

Eine meiner letzten Nachrichten an sie lautete „Bitte sag, dass es in Alcudia anders ist!“

 

Bei unserer Ankunft machen wir einen Abstecher zum Strand: Fein gesiebter weißer Sand, ein Traum! Und hunderte von Sonnenliegen – ein Albtraum!

Für uns beide ist klar: Am nächsten Tag fahren wir zum Platja Formentor und nehmen auf dem Hinweg noch den sehr lohnenswerten Aussichtspunkt Mirador Es Colomer mit.

 

 

Am Platja de Formentor (mehr Infos und Eindrücke hier)  laufen wir ein Stück am Strand entlang, am Hotel vorbei und erreichen kleine ruhige Buchten, vor denen (augenscheinlich) überwiegend Einheimische mit ihrem Boot lagern. Sicher, hier und da hört und sieht man auch wieder…naja, ihr wisst schon wen, aber es ist nicht so überwältigend wie an den überfüllten Stränden.

 

Wir haben einen tollen, ruhigen, sonnigen und heißen Tag mit atemberaubender Aussicht auf türkisfarbenes, kristallklares Wasser und ich muss zugeben: Ja, meine Schwester hat Recht. Der Norden ist anders, charakteristischer, weniger touristisch, mehr Geschichte, mehr Einheimische.

 

Abends verschlägt es uns zum Essen in die Altstadt. Meine Begeisterung steigt noch mehr. Wenn ich etwas mag, dann sind es ruhige Gassen, sandige Mauern, traditionelle Balkone, die von Pflanzen und Blumen nur so strotzen.

Hier bekomme ich auch mein traditionelles Essen – Paella 😀

 

 

Auf dem Rückweg verfahren wir uns und landen doch noch im Touri-Abschnitt von Alcudia, bei dem wir beide nur „ohje“ seufzen können.

 

Ses Cevotes

Meine Schwester fliegt ein paar Stunden vor mir ab und ich nutze noch den Vormittag, um Sonne zu tanken. Denn in Deutschland sind es bereits nur noch zwischen 14 und 18 Grad.

 

Ich fahre zum Naturschutzgebiet Ses Cevotes und bin überglücklich mit meiner Entscheidung: Ein traumhafter Strand mit weißem, nicht ganz feinem aber natürlichen Sand und wieder, wie am Tag zuvor, türkisfarbenem Wasser, bei dem man jede einzelne Muschel am Meeresboden sehen kann.

 

Es ist früh am Morgen, 8:15Uhr. Bisher sind es nur ein paar Einheimische, Rentner, die ihre Bahnen schwimmen, und ich.

Um 9:00Uhr kommen dann auch hier die deutschen Urlauber an. Das kann auch schnell ausarten, wie sich aus diesem Artikel vom 12.08.2018 lesen lässt.

In der Nebensaison lohnt es sich auf jeden Fall, denn dieser Strand ist nicht vollgestellt mit Liegestühlen und es gibt genug Platz hinten durch, nah an den Dünen.

 

 

Tipp am Rande: Mietwagen

Wir haben für unseren Mietwagen bei OK RENT A CAR wirklich wenig Geld bezahlt (für 4 Tage 20€ inklusive Versicherung). Ich kann mich also nicht beschweren, wenn Mietwagenfirmen versuchen, doch noch Geld rauszuschlagen.

Wenn ihr noch mehr Geld sparen wollt und auf eine Vollkaskoversicherung verzichten möchtet, dann kann ich euch nur Folgendes empfehlen:

  1. MACHT unbedingt FOTOS von so ziemlich jeder Stelle am Auto!
  2. Mietet das Auto, wenn es geht, bei TAGESLICHT an! Ansonsten: TASCHENLAMPE anschalten!
  3. Oft sind die Autos sehr eng geparkt, lasst euch trotzdem nicht davon abhalten, den KOFFERRAUM UND TÜREN AUFZUMACHEN und zu checken!
  4. MARKIERT alles, wirklich ALLES, was euch auffällt!

 

Das klingt übertrieben? Ist es nicht, glaubt mir.

Bei unserem Mietwagen waren viele kleine Kratzer und Schrammen, darüber habe ich mich noch bei der Abholung mit einem Mitarbeiter unterhalten und er meinte, ich müsste nicht alles aufmalen. Bei Abgabe hieß es dann „Das Auto ist neu! Und Sie bringen es mit lauter Kratzern und Schrammen zurück!“. Zwei Dellen hatte ich tatsächlich übersehen, weil ich das Auto im Dunkeln abgeholt habe und es so eng an das daneben geparkt war, dass ich die Beifahrertür nicht geöffnet und von innen gecheckt habe. Aber wir hatten eine gute Versicherung abgeschlossen 😉

 

Mein Fazit

Wenn ich reise, möchte ich

mit Unbekanntem, Neuem konfrontiert sein

eine andere Sprache hören. Ihren speziellen Klang und Melodie. Wenn ich jemanden Deutsch sprechen höre, nimmt mein Kopf immer gleich die Worte auf und sind nur schwer zu ignorieren.

eine neue Kultur und Traditionen kennen lernen. Zugegebenermaßen ist das ein schwieriger Punkt. In der Regel braucht man dafür Zeit oder aber man geht über Couchsurfing.

neue, landestypische Gerichte probieren.

 

Nicht, dass all dies nicht auf Mallorca möglich wäre. Man muss sich nur sehr, sehr anstrengen, diese Orte zu finden.

Würde ich nochmal nach Mallorca? Vielleicht im Mai oder Oktober, wenn noch keine Hauptsaison oder der Touristenansturm vorbei ist.

Aber wenn ich ehrlich bin, verzichte ich auch gerne, denn die Mallorquiner brauchen auch mal Pause von Leuten wie mir, die die Insel überrennen.

 

Fazit: Trotz des anfänglichen Entsetzens war es trotzdem ein sehr schönes Wochenende 😉