Gianluca (3/3): “China erscheint mir so mysteriös”

Ich denke, die chinesische Kultur ist immer noch grundsätzlich sehr verschieden zu unserer Kultur

 

Chinesen sind viel weniger individualistisch als wir es sind. Psychologen benutzen diese Frage „erzähl mir etwas von dir“ und dann zählen und analysieren sie, wie oft sich ein Individuum über eine Gruppe identifiziert anstatt nur darüber zu sprechen was speziell an ihm/ihr ist.

 

Es ist so, dass es viele Chinesen gibt, die sagen „ich gehöre zu dieser Familie, meine Familie macht das, mein Vater macht dies“. Und dann reden sie über ihre Schule. Natürlich ist es immer noch eine sehr traditionelle Gesellschaft und dann reden sie auch über ihren Großvater.

 

Ich sehe, dass es in Europa und der USA viel mehr üblich ist, dass jemand sagt „mein Name ist Gianluca, ich studiere jenes und meine Beruf ist…“. Also sehr viel „ich, ich, ich“ und das macht dich in einer Weise speziell in Bezug auf was du tust.

 

Chinesen mögen die westliche Kultur so sehr und das ist schon an sich faszinierend. So hat man diese Kultur, die so unterschiedlich ist, sehr traditionell, aber gleichzeitig mögen sie McDonald’s, fast food, Hollywood Blockbuster.

 

Es gibt dort ein kulturelles Erdbeben. Ich glaube, dass viele Menschen versuchen, das Traditionelle mit dem Neuen zu verbinden.

 

Ich habe mit vielen Unistudenten gesprochen. Ich habe sie gefragt „was möchtest du mit deinem Leben machen?“ und sie antworteten mir „ich will Geld machen“. So einfach ist das.

 

Aber gleichzeitig wollen sie auch ein Erscheinungsbild erzeugen, dass mit ihren traditionellen Werten einhergeht.

 

Also sagen sie „das ist etwas, was mein Großvater auch tun würde“ und vielleicht liegen sie richtig. Denn wenn man durch Städte wie Beijing reist, dann gibt es dort so viele Selbständige. So viele Menschen, die Essen, Produkte etc verkaufen.

 

Ich habe das Gefühl, dass der Tauschhandel ein echter Teil der Kultur ist. Es ist etwas, dass die kommunistische Regierung nicht geschafft hat zu ändern. Vielleicht ist es ja wahr und sie sind wirklich da, um Geld zu machen.

 

Man sieht diese zwei Kulturen, die in der heutigen chinesischen Kultur präsent sind und du fragst dich, wie lange die traditionelle Kultur überleben wird.

 

Das erste, was ich in China bemerkte, war als ich mit der Metro fuhr. Das Metrosystem ist sehr Reisenden-freundlich, alle Zeichen sind im lateinischen Alphabet geschrieben.

 

Metro in Beijing - 2Wenn du in die Metro einsteigst, siehst du die TV screens, sie zeigen das Programm der kommunistischen Partei und du siehst historische Hinweise auf Mao Zedong.

Und dann kommt Werbung und sie zeigen einen Werbesport für Waschmittel.

Und die Propaganda wieder direkt danach.

 

Das war das deutlichste Beispiel, dass dort zwei Kulturen Seite an Seite leben.

 

„Es gibt da einen bestimmten Vorfall, der meine Sichtweise auf die Dinge, auf Globalisierung, wirklich veränderte.

 

Das war in Vietnam. Ich war in einer kleinen Stadt, die sich Hoi An nennt und eine der Kleinstädte ist, die vom Krieg durch die USA verschont blieb. Durch Zufall bin ich mit einer Fahrradtour mit aufs Land gefahren.

 

Das Zusammentreffen, das wirklich meine Sichtweise veränderte, passierte auf dem Ausflug aufs Land. Wir stoppten in einem großen Feld und da war diese Struktur von Reihen, aus der Distanz konnte ich es nicht richtig sehen.

Da waren Reihe um Reihe kleine rechteckige Objekte. Ich sah eine Person, die sehr langsam über das Feld ging. Wir hielten an und ich konnte erkennen, dass die rechteckigen Objekte Backsteine waren.

 

Die Person war eine alte Frau, vielleicht in den 50ern. Ihr Job war es, die Backsteine umzudrehen, damit sie trockneten. Sie arbeitete 12 Stunden am Tag in der Sonne. Die Backsteine wurden gebraucht, um ein Haus zu bauen.

 

Sie trug diesen typischen asiatischen Hut, der sie vor der Sonne und starkem Regen beschützte. Mein Tourguide übersetzte und sie erzählte mir von ihrer Arbeit.

Sie erzählte mir mit einem Lächeln im Gesicht, dass sie US$3 am Tag verdiene und natürlich sind US Dollar viel Geld. Ich fand heraus, dass man mit US$3 zwei Essen in einem Restaurant kaufen kann.

 

Ich dachte direkt, dass sie ausgebeutet wird und dass sie für einen multinationalen Konzern arbeitet. Ich fragte sie „für wen arbeitest du?“ und sie zeigte auf einen Mann, der in der Nähe saß. „Ich arbeite für diesen Mann“.

Der Mann war ein Einheimischer, sehr reich unter den lokalen Rahmenbedingungen.

 

Sie arbeitete nicht für einen multinationalen Konzern. Sie arbeitete für einen Einheimischen und ich verstand es plötzlich.

 

Dadurch, dass ich mehr akademische oder wissenschaftliche Artikel gelesen hatte, wurde mir zugetragen, dass wir in unserer Welt diese Vorannahme haben, dass Globalisierung die weniger reichen Teile der Welt ruiniert.

 

Und wir haben diese sehr romantische Idee, dass die multinationalen Konzerne in die Länder gehen und diese Leute in eine Armutssituation bringen, sie verschlimmern ihre eingeschränkte Situation durch Ausbeutung.

 

Die Realität, natürlich gibt es viele Wahrnehmungen und es ist schwer dies zu generalisieren, aber die Realität ist, dass die gleichen Leute, die für multinationale Konzerne arbeiten, in einer noch schlimmeren Situation wären, wenn sie für lokale Unternehmen arbeiten würden.

 

Photo by Gianluca_Worker from Hong KongIch glaube, Globalisierung hat viele unterschiedliche Gesichter und Formen.

Aber man muss sich bewusst sein, dass diese Idee, dass multinationale Konzerne das absolute Übel sind und die Menschen in idealen Umgebungen gearbeitet haben bevor die multinationalen Konzerne kamen.

Das ist nicht der Fall.

 

Menschen arbeiten die meiste Zeit in einer großen Ausbeutungssituation.

Natürlich beuten die multinationalen Konzerne aus, aber sie sind sehr clever. Sie tun das Minimalste, was sie tun können, um so viele Arbeiter wie möglich zu gewinnen, die für sie arbeiten wollen. Sie können einen immensen Profit machen.

 

Wenn multinationale Konzerne zu diesen Ländern gehen, dann haben sie ein unendliches Angebot an Menschen, die für sie arbeiten wollen. Sie haben ein stabiles Gehalt, das höher ist als das, was sie normalerweise für diesen Preis bekommen würden.

 

Ich glaube, dass dieser Vorfall mir sehr deutlich gemacht hat, was Ausbeutung wirklich ist und worum es bei Globalisierung wirklich geht.

 

Gleichzeitig erschien mir diese Frau so glücklich.

 

Ich habe nie Neid von irgendjemanden gespürt. Es gibt ein paar Menschen, die mir sagten „du kannst reisen, ich kann es nicht“. Sie sagten es nicht mit Wut oder Bedauern. Es war einfach eine Tatsache.

Viele Male fühlte ich mich schuldig. Weil ich das Glück habe, hier geboren zu sein.