Leila (3/3) “Reisen durch Ghana – allein. Als weiße Frau”

Und dann bin ich alleine durch Ghana bis zur Elfenbeinküste gereist

Ich habe zwar unterwegs andere Reisende getroffen, aber ich war an vielen Orten ganz allein. Bei meinem letzten Stopp, bevor ich wieder zurück gereist bin, da war ich in so einer Art Resort. Es gab viele kleine Hütten, ich hatte meine eigene, da gab es eine Küche und den Traumstrand schlechthin. Da war ich alleine, keine anderen Gäste. Irgendwann abends kam noch eine andere Familie mit zwei Söhnen, die waren sogar deutsch. Zu denen habe ich mich dann einfach dazu gesetzt und Spiele gespielt.

Aber nachmittags am Strand war ich ganz alleine und das war schon ganz schön komisch.

Aber erstaunlicherweise hatte ich nicht einen Moment Angst, dass was passieren könnte. Es gab einmal eine Situation, wo ich dachte „jetzt gehst du besser einfach weiter“. Da haben ein paar Männer um einen Mann, der am Stuhl gefesselt war, mit einer Machete gestanden. Da hab ich gedacht „ich muss jetzt hier weg“.

Auf der Straße wurde ich immer angesprochen

Ich konnte nicht einmal Taxi fahren ohne dass die Leute von draußen reingestarrt haben.

Es gab auch eine ganz süße Situation als ein Schulbus an mir vorbei gefahren ist und alle Kinder auf eine Seite des Busses schossen und alle winkten.

Als ich in die Dörfer kam, war es schon krass, weil die Menschen da teilweise noch nie einen Weißen gesehen haben. Die waren wie vom Donner gerührt. Sie haben sogar an meiner Haut gerochen. Das war irgendwie ganz seltsam. Da hatte ich dann auch zehn Kinder an den Händen. Meine Haare waren für sie total faszinierend. Warum meine Haare so glatt sind, warum meine Haare so hell sind, gerade die ganzen Frauen.

Aber sie haben untereinander auch einen sehr starken Körperkontakt. Manchmal habe ich mich schon gewundert. Zum Beispiel hab ich einmal im Krankenhaus auf die Leitung auf einer langen Bank gewartet. Da kam eine Frau und wollte sich auch hinsetzen und sie hat sich nicht auf die andere Seite der Bank gesetzt, wie man es in Deutschland machen würde. Sie hat sich so nah an mich ran gesetzt, dass sie quasi auf meinem Schoss saß und hat mir ihr Essen ins Gesicht gehalten und gefragt „möchtest du auch was?“.

Das waren so Momente, die ich als Deutsche nicht gewöhnt war. Aber da ist es unhöflich, wenn du jemandem aus dem Weg gehst.

Was mir mein Gastvater auch erklärt hat, ist, dass wenn ich was zu essen habe, dann muss ich anderen etwas anbieten, denn sie anderen haben nichts.

Auf der einen Seite fand ich es komisch. Auf der anderen Seite fand ich es so schön! Denn wer weiß, vielleicht hat der andere neben dir grade so einen Hunger und kann sich aber nichts zu essen kaufen. Es wird also immer darauf geguckt, dass der andere auch was hat. Man merkt halt, dass die Leute da alle nicht viel haben. Teilen ist da eine Selbstverständlichkeit.

Stell dir das mal in Deutschland vor! Ich würde jemandem in Deutschland was zu essen anbieten in der Bahn.

Mit dem Bus reisen

Die Busstationen sind an großen Kreuzungen und es gibt ein paar Verkaufsstände. Tausend Minivans, die da rum stehen und dann finde mal deinen Minivan. Es gibt keine Schilder, wo drauf steht, wo sie hinfahren. Ich habe mich dann irgendwie durchgefragt und die Leute nehmen dich mit und zeigen dir, wo du hin musst. Man kümmert sich. Egal wo.

Man sitzt mit 21 Leuten in einem Minivan mit 9 Sitzen. Ich hatte drei Kinder auf dem Schoß, es waren 40 Grad und einer hatte getrockneten Fisch dabei. Alle singen und machen Laune. Die fanden es toll, dass ich versucht habe mitzusingen und mit zu klatschen. Es war eine große Gemeinschaft, unabhängig davon, ob man sich kannte.

Sie gehen alle ganz herzlich miteinander um und begegnen dem Leben herzlich. Obwohl nicht viel da ist und sie nicht viel haben.

Einmal haben wir an einem Stand an der Straße was gegessen und es war ganz glibberig. Es hat gar nicht geschmeckt. Also bin ich hin und hab gefragt, was das ist und sie zeigte auf ihren Bauch und sagte die ganze Zeit „Ziege“. Und ich wusste nicht, ob sie „Darm“ meinte oder was auch immer das ist. Das war echt ekelhaft.

Im Krankenhaus gab es zwar Mittagessen und Abendessen für die Patienten, aber da wurde ein Topf Reis und ein Topf in den Flur hingestellt und dann konnten sie ihr Essen holen – wenn du eine Schüssel hast und aus dem Bett kommst. Wenn du nicht laufen kannst, hast du halt ein Problem. Aber da wurde dann auch unter den Patienten sehr füreinander gesorgt. Gut, ich hatte ja Zeit, ich konnte ihnen Essen bringen. Aber es ist so selbstverständlich für den anderen mit zu sorgen, das habe ich dort ganz anders als in Deutschland erlebt.

Zurück in Deutschland

Als ich in Deutschland zurück war, war ich erstmal überfordert. Ich bin in den Supermarkt gegangen, um einzukaufen und es war einfach zu viel Auswahl. Ich bin dann einfach wieder rausgegangen, weil ich nicht wusste, was ich kaufen soll.

Ich war auch beeindruckt davon, wie sehr ich mich für eine Waschmaschine begeistern kann. Ich freue mich auch nach jeder Reise auf mein Bett.

Mir ist noch einmal bewusst geworden, dass man die Dinge, die man hat, viel mehr wertschätzen sollte. Seien es noch so kleine Dinge.

In Deutschland wird sich oft darüber beschwert, was man nicht hat.

Aber eigentlich wäre es doch viel schöner zu feiern, was man hat. Meine größte Lektion, die ich gelernt habe, war alles wertzuschätzen und wahrzunehmen, was um einen herum ist.