Man muss nicht reisen, um in neue Welten einzutauchen (1/2)

Um andere Welten zu erleben muss man nicht in andere Länder reisen. Nicht jeder kann es sich leisten und manchmal reicht es auch schon, sich in seiner Umgebung umzuschauen oder sich einfach nur bewusst werden, mit welchen Unterschieden man in seiner Umgebung, im Alltag konfrontiert ist.

 

In den letzten Jahren habe ich in Kanada gelebt und war dadurch kontinuierlich mit kulturellen und sprachlichen Unterschieden konfrontiert. Tagtäglich erlebte ich Neues und musste mich anpassen, meine Gewohnheiten leicht ändern und mich auf neue Situationen einstellen.

 

Ich genoss es, Fragen zu stellen,

gezwungen zu sein, meine Gewohnheiten und Denkweisen

zu reflektieren und zu überdenken.

 

Mein Lebensstil hat sich verändert, meine Ernährungsgewohnheiten haben sich verändert, meine Einstellung hat sich verändert – alles dadurch, dass ich im Ausland lebte.

 

Zurück in Deutschland war ich schnell frustriert, fühlte mich unterstimuliert, alles war bekannt, nichts neu.

 

Es half auch nicht viel, in eine neue, mir wenig bekannte Stadt zu ziehen. Die Supermärkte waren die Gleichen, typisch deutsche Gewohnheiten, Denkweisen und Einstellungen waren die Gleichen.

 

Irgendwann erreichte ich den Punkt, an dem ich am liebsten meine Sachen gepackt und wieder ins Ausland gegangen wäre, um wieder gefordert zu sein. Da das (größtenteils aus finanziellen Gründen) zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war/ist, fing ich an, mich nach internationalen Kontakten umzuschauen.

 

Aber auch das reichte mir nicht, da meine Umgebung immer noch die Gleiche war. Doch war sie das wirklich?

 

Dieser Gedanke riss mich aus meiner Unzufriedenheit heraus und ich stellte fest, dass ich die nahestehendste Herausforderung gar nicht in Betracht gezogen hatte:

 

Ich war bereits tagtäglich mit dem Anderem, dem mir Unbekannten konfrontiert!

 

Die Flüchtlingskrise hat bewirkt, dass wir in Deutschland aktuell mit anderen Kulturen und Traditionen unumgänglich konfrontiert sind.

 

In meiner Arbeit an einer Schule, an der die meisten Schüler einen Migrationshintergrund haben, hatte ich super spannende und interessante Gespräche. In meinem privaten Umfeld traf ich auf Wajdy (Interview hier), Dyana und Razan (Interview hier) – Flüchtlinge aus Syrien, die ich für meinen Blog interviewte und mehr über ihr Leben und ihre Flucht erfuhr.

 

Ich realisierte, dass ich bereits gefordert war

– als Mensch und als Diplom-Pädagogin.

Ich hatte es bisher nur nicht begriffen,

weil mein Leben bereits wieder in der üblichen Routine lief.

 

Der Stein des (Gedanken-) Anstoßes war ein Gespräch mit einer Schülerin, die sich darüber aufregte, dass Schüler in Deutschland NICHT geschlagen werden (mehr dazu später). Mir fielen immer mehr Konversationen mit meinen Schülern ein, die über ihre Traditionen und ihr Leben in Syrien oder im Irak berichteten.

 

Mir fielen auch die vielen Zeitungsberichte ein, die mich bereits im ganzen letzten Jahr wütend gemacht haben. Berichte über abgebrannte Flüchtlingsheime; über Gewalt gegen Flüchtlinge; Menschen, die keine Flüchtlinge in Deutschland haben wollen; Menschen, die nicht verstehen, warum Syrer oder Iraker Schutz in Deutschland suchen.

 

Ich erinnerte mich daran, wie traurig mich Dyana und Razans als auch Wajdys Geschichte gemacht haben.

 

Mir fielen Gespräche ein, in denen ich auf moralische Vorstellungen traf, die ich nicht immer nachvollziehen konnte (z. B. die geringen Rechte von Frauen in bestimmten Kulturkreisen).

 

Da hatte ich meine Herausforderung direkt vor Augen und ich war die ganze Zeit blind gewesen!

 

Meinen Drang etwas Neues zu lernen, konnte ich nun wenigstens auf ein Ziel richten: Ich fing an mich mehr mit dem Islam zu beschäftigen und beschloss, arabisch zu lernen.

 

Warum? Zum einen weil viele Eltern meiner Schüler, nicht fließend deutsch sprechen.

Zum anderen empfinde ich es als respektvoll und integrierend, wenn ich wenigstens die Grundlagen verstehe. Versteht mich nicht falsch, ich finde es unabdingbar, dass Immigranten Deutsch lernen. Es ist Teil von Integration und nur so finden sie eine Arbeitsstelle.

Aber ich wollte ihnen entgegenkommen, einen Schritt auf sie zu gehen und wenigstens in der Lage sein, Höflichkeitsfloskeln auszutauschen.

 

Außerdem werden in Deutschland viele Fachkräfte im Sozial- und Bildungsbereich gesucht, die arabisch, türkisch oder kurdisch sprechen. Indem ich nun arabisch lerne, erhöhe ich auch meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt – und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern, in denen Flüchtlinge Zuflucht fanden.

 

Ich gehöre zu den Menschen, die immer lernen wollen, die immer neue Stimuli brauchen, die ständig auf der Suche nach mehr Informationen sind und diese Informationen an andere weitergeben möchten, damit sie (genau wie ich) ihr Verhalten und ihre Denkweisen reflektieren und offener werden. Glaubt mir, das ist nicht immer willkommen in meinen Umfeld 😉

 

Geflüchtete Menschen in Deutschland – Ein Forschungsbericht des IAB

 

Ich fing also auch an, mich mehr mit Studien zur aktuellen Lage der Flüchtlinge zu beschäftigen und fand einen Forschungsbericht des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung)

Was ich herausfand war Folgendes: Wajdy, Dyana und Razan waren keine Einzelfälle. Die befragten Flüchtlinge schilderten alle das Gleiche: Morde, Verfolgung, Vergewaltigung, Angst.  Hier ein paar Beispiele:

Syrien

  • „Ich habe  vieles  gesehen,  wie  die  Leute  geschlachtet“  (QMR Flü_25_BE_Syrien_SCH_m_23) (S. 42)

 

  • „Die Situation in Syrien… Na ja, ich rede nicht gerne über Politik… Aber man muss auf einer Seite sein und kämpfen. Ich müsste in die Armee, zum Militär, so sind die Regeln. Wenn du 21 bist… […]. Und wenn du dort bist, musst du kämpfen. Wenn du es nicht  tust,  wirst  du    Darum  habe  ich  beschlossen,  zu  gehen.“  (QMR Flü_01_SN_Syrien_AB_m_21) (ebd.)

 

  • „Sie haben ihn mitgenommen.[…] Sie haben meinen Mann nur einmal telefonieren lassen. Er hat seine Mutter angerufen und hat ihr gesagt, dass er nur eine Stunde befragt würde  und  dann  zurückkäme.  Aber  seitdem,  bis  heute,  keine  Sie können sich das nicht vorstellen. Vor drei Jahren und drei Monaten. Das war sehr, sehr schwierig.“ (QMR Flü_76_NRW_Syrien_SCH_w_40) (ebd.)

 

  • „Wenn ich jetzt nach Syrien zurückgehe, dann bringt mich Bashar al Assad um, weil ich gegen ihn bin. Und der IS würde mich umbringen, weil sie mich nicht als wahren Muslim ansehen,  weil  ich  keinen  Rock,  sondern  Hosen    Die  würden  sagen: Oh, Gott, die ist keine echte Muslima, die müssen wir töten. Jetzt ist es unmöglich für mich, nach Syrien zurückzukehren.“ (QMR Flü_76_NRW_Syrien_SCH_w_40) (S. 43)

 

Irak

  • „Einer meiner Brüder ist gestorben. […], er war in der Stadt und ist gestorben, hat eine Kugel     Es  war  eine  sehr  gefährliche  Situation,  besonders  in meiner  Heimat  und  es  war  für  mich  sehr  schwer  raus  zu  kommen.“  (QMR Flü_12_SN_Irak_AS_m_19) (S. 44)

 

Afghanistan

  • „Wir haben gedacht, die Situation in Afghanistan, der Grund warum wir von Afghanistan nach Pakistan umgezogen waren, ist nach Ende des Krieges besser geworden. Aber  da  haben  wir  falsch  gedacht,  es  waren  noch  Taliban  Sie  konnten jederzeit die Tür kaputtmachen und einfach reinkommen und z.B. die Frauen vergewaltigen oder z.B. ja, sie haben gesagt, kochen sie was für uns und sind bis zum Abend geblieben. Als Frau hatten wir kein Recht z.B. raus zu gehen oder Fernsehen anzuschauen. […] Die Tochter, das junge Mädchen von unseren Nachbarn, wurde mitgenommen. Und wir haben nichts mehr von ihr gehört, was passiert ist.“ (QMR Flü_13_SN_Afghanistan_AS_w_26)   (S. 48)

 

  • „In Afghanistan ist dein ganzes Leben lang dein Leben in Gefahr, es macht keinen Unterschied ob  man  zuhause  ist,  auf  der  Straße,  man  wird  überall    Weil jeder macht was er will.“ (QMR Flü_28_BE_Afghanistan_AB_m-w_46-32) (S. 49)

 

In diesem Bericht gibt es auch Aussagen von Fachkräften, die ihre Erfahrungen aus der Arbeit mit Flüchtlingen schildern. Es lohnt sich, den ganzen Bericht zu lesen: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Studien/201609-iab-forschungsbericht.html

 

Und dann musste ich plötzlich an einen Dolmetscher denken, mit dem ich mich vor einigen Monaten unterhalten habe.

 

Er saß vor mir und erzählte, wie schwer seine Arbeit manchmal ist. Wie er bei Amtsterminen Lebensgeschichten übersetzen muss, die voll von Tod, Verfolgung, Trauma und Vergewaltigung sind.

Ich habe nur zwei solcher Geschichten erzählt bekommen (Wajdy, Dyana und Razan) und sie haben mich getroffen. Wie gehen also Dolmetscher damit um, die tagtäglich immer wieder traumatische Erlebnisse übersetzen müssen? Gibt es für sie Supervisionen, um die ‚harte Kost‘ zu verarbeiten?

 

Mein Respekt stieg an ins Unermessliche.