Man muss nicht reisen, um in neue Welten einzutauchen (2/2)

Als Pädagogin gefordert

 

Ich mag es, wenn ich mit meinen Schülern über die Unterschiede in Deutschland und in Syrien oder im Irak reden kann. Es hilft mir zu verstehen, warum sie Probleme im deutschen Schulsystem haben und immer mehr wird mir bewusst, dass das deutsche Schulsystem noch eine Menge ändern muss, um besser auf Schüler mit Migrationshintergrund eingehen zu können.

Jene Schüler, die bereits 7,8 oder 10 Jahre Schule im Heimatland hinter sich haben und sich nun an das deutsche, sehr unterschiedliche, System anpassen müssen.

 

„Deutsche Schule ist so streng“

 

Manche empfinden die Schule in Deutschland als zu streng. Wie einer meiner Schüler, der erst vor ein paar Jahren nach Deutschland kam. In seiner Heimat, Syrien, ist es ganz normal in der Schule geschlagen zu werden, berichtete er mir.

 

Wenn man frech ist oder die Hausaufgaben vergisst werde man geschlagen.

 

Er hatte immer Glück. Sein Vater war ein hohes Tier, alle haben ihn sehr respektiert. Wenn er Mist in der Schule gebaut hat, dann wurde er nicht geschlagen. Seine Eltern wurden zu einem Gespräch eingeladen, die Lehrer haben ihnen von seinen Missetaten erzählt, sein Vater sagte ihm, er solle es nie wieder machen und damit war die Sache erledigt – bis zum nächsten Mal.

 

„Ich konnte machen, was ich wollte“ sagte er und grinste.

 

Das ist nun vorbei. Deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit werden ihm abverlangt, regelmäßige Teilnahme am Unterricht, Einhalten von Regeln. Dinge, die er nie gelernt hat, die er nie lernen musste.

 

Aber er weiß, wie er sich durchschlagen muss. Er hat Kontakte, er ist, wie ich es gerne nenne „sozial smart“, er weiß, was er tun muss, um zu überleben.

 

Er geht außerhalb des allgemeingültigen, konformen (nicht illegalen!) Weges, nutzt seine Kontakte dahin zu gelangen, wo er hin soll. Gesellschaftlich akzeptiert ist das nicht. Aber es geht ihm nicht darum, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Es geht darum, einen Platz in der Gesellschaft zu finden – auch wenn man nicht 100% nach ihren Regeln spielt.

 

„Warum werden Schüler hier nicht geschlagen? Das wäre doch viel besser!“

 

Und dann gibt es noch andere Schüler, die die Schule in Deutschland als nicht streng genug empfinden und mich mit ihren Aussagen schlichtweg umhauen.

Umgehauen, weil es erstens nicht meinen moralischen Vorstellungen entspricht und zweitens weil ich als Diplom-Pädagogin um Worte ringen und Erklärungen liefern musste.

 

Viel schwerer war es für mich,

ihre Aussage nicht gleich zu verurteilen,

sondern zu versuchen, sie zu verstehen, zu akzeptieren,

doch konnte ich sie auch respektieren?

 

Worum ging es also in diesem Gespräch?

 

Sie regte sich darüber auf, dass die Schüler aus ihrer Klasse manchmal Lehrer anschreien und sich nicht benehmen würden. „Im Irak gibt es das nicht. Da hat man Respekt vor den Lehrern. Sonst wirst du geschlagen.“

 

Und dann erklärte sie mir, dass sie früher viel besser in der Schule war, weil sie Angst hatte geschlagen zu werden. Es sei gut, geschlagen zu werden, „weil man sich dann anstrengt und gehorcht“.

Da saß ich nun.

Eine 15 jährige vor mir, die es gut fände,

wenn sie in der Schule geschlagen würde.

 

Ich habe viel Verständnis, bin empathisch und kann mich gut in die Lage anderer versetzen. Aber bei „schlagen“ als bewusst eingesetzte Erziehungsmethode gehe ich innerlich in Kampfstellung und habe nur ein Ziel: Mein Gegenüber überzeugen, dass es auch anders geht.

 

Wie sollte ich also diesem Mädchen erklären, dass es aus meiner Sicht falsch ist, was sie ihr ganzes Leben erlebt hat (und vermutlich immer noch erlebt).

 

Es wäre eine Abwertung ihres Glaubenssystems. Doch in Deutschland ist das Schlagen von Schülern seit verboten! Verdammt, ich saß in der Zwickmühle. Also erklärte ich ihr die deutschen Regeln, erklärte ihr, dass Lehrer angezeigt werden wegen Körperverletzung, wenn sie Schüler schlagen, dass sie ihren Job verlieren und sogar im Gefängnis landen können.

 

Gleichzeitig versuchte ich mehr über ihre Beweggründe zu erfahren und wie sich ihr Lerntyp (Lernerfolg durch schlagen) verändern und in das deutsche System integrieren lässt. Leicht wird das nicht…

 

„Als Mann darfst du alles – als Frau darfst du nix“

 

In einem anderen Gespräch erzählten mir ein Schüler und eine Schülerin über das Leben im Irak. Der Junge schwärmte davon, später in den Irak ziehen zu wollen, weil er mit einer deutschen Ausbildung dort gutes Geld machen könne. Außerdem habe er als Mann Macht und könne tun und lassen, was er wolle.

 

Die Schülerin sprach sich strikt gegen ein Leben im Irak aus. „Da darf ich nicht einmal alleine rausgehen“. Sie genieße es, in Deutschland zu sein, tun und lassen zu können, was sie möchte, denn „als Frau hat man im Irak keine Rechte“.

 

Urlaub im Krieg

Ich war geschockt als ich kurz vor den Sommerferien erfuhr, dass einer meiner Schüler bereits im Urlaub sei – in Syrien. Was zur Hölle…?

 

„Warum fahren Eltern mit ihren Kindern in den Irak oder nach Syrien, IN DEN KRIEG (!), um dort Urlaub zu machen?“ fragte ich mich unentwegt.

 

Zwei Schülerinnen klärten mich auf: Um ihre Familie zu besuchen. Die Familienangehörigen sehen, die nicht ausreisen dürfen, die den Absprung nicht geschafft haben oder es nicht wollen.

„Ich mag das nicht, aber es ist der einzige Weg die Familie zu sehen“ sagte das eine Mädchen.

 

Ich verstand ihre Beweggründe, doch machte es mich unglaublich wütend, dass Eltern ihre Kinder wissentlich in solche Gefahr brachten und möglichen traumatischen Erlebnissen aussetzten.

 

Die beiden Mädchen erzählten,

dass es vollkommen normal für sie sei,

im Irak Urlaub zu machen.

Dorthin, wo alles zerstört ist.

 

„Wenn eine Bombe explodiert, dann wackelt das ganze Haus“

 

Ja, Soldaten habe das eine Mädchen gesehen – und Panzer. Das sei normal. Auch, dass alles zerstört sei. „Wenn man noch nie da war, dann ist man natürlich geschockt, aber für uns ist das normal. Wir kennen das, wir sind, seit wir klein waren, dahin gefahren.“

 

Ich fragte sie, ob sie keine Angst hätten durch die Straßen zu gehen, doch sie winkten nur ab. Sie würden kaum raus gehen. Im Irak dürfen Mädchen nicht alleine raus und tagsüber sei es viel zu heiß. Dafür seien die Häuser aber sehr groß und deswegen mache es ihnen nichts aus, nur drinnen zu sein.

 

Mittlerweile sei es ihren Eltern auch zu gefährlich in den Irak zu reisen, also hätten sie beschlossen andere Verwandte in der Türkei zu besuchen. „Urlaub im Irak ist Familie sehen. Urlaub in der Türkei ist dann wirklich Urlaub“, erklärt sie mir.

 

Das war vor dem Putsch.

 

„Ob es in der Türkei jetzt auch noch wie Urlaub ist?“

geht es mir unentwegt durch den Kopf.

 

Ich sagte mir immer wieder, dass es besser sei, in den nächsten 6 Wochen lieber keine Nachrichten über die Türkei oder Syrien zu lesen, um zu vermeiden, dass ich mir ständig Sorgen mache. Und trotzdem frage ich mich immer wieder „ob sie wohl zurückkommen aus der Türkei und Syrien?“.

 

Um in neue Welten einzutauchen, muss man nicht reisen

 

Es reicht oftmals, die Augen aufzumachen, sich umzuschauen, das Andere, das Unbekannte in der unmittelbaren Umgebung zu entdecken und darauf zu zugehen. Offen zu sein für die Unterschiede, die gleich nebenan, in der angrenzenden Welt bestehen.

 

Sicher, ich war geschockt, wütend, besorgt. Herausgerissen aus meinem Tunnelblick. Herausgerissen aus meiner Unzufriedenheit, um mich herum sei nichts Anderes, nichts Neues zu entdecken. Ich muss zugeben, dass die Erlebnisse beim Reisen, beim Eintauchen in neue Landschaften, neue Kulturen meist positiver besetzt sind.

 

Doch was wäre das Leben, wenn man durchweg nur positive Erfahrungen machen würde? „Schön“ mag jetzt manch einer sagen. Doch zum Leben gehören auch nicht so schöne Erfahrungen und die Auseinandersetzung mit dem, das uns Unbehagen fühlen lässt.

 

Wie also mit diesem Unbehagen umgehen? Es ignorieren?

Nein, sich damit auseinandersetzen.

 

Jeder hat unterschiedliche Strategien. Meine? Mehr darüber in Erfahrung bringen, was in mir das Unbehagen auslöst, mit dem Anderen, dem Unbekannten in Kontakt treten und mehr Informationen rausfinden, um besser verstehen zu können.

 

Und es hilft mir damit umzugehen, indem ich meine Erfahrungen und Informationen weitergebe, in der Hoffnung, andere öffnen ihre Augen und schauen sich um. Entdecken das Unbekannte, erforschen es, tauchen ein und reflektieren ihre bisherigen Einstellungen und Sichtweisen.

 

Also: Was gibt es in Deiner Umgebung, das Du nicht kennst? Das neu und unbekannt für Dich ist? Mach Dich auf die Suche, exploriere und lerne das Unbekannte erkennen! Genieße es, aus Deiner Komfortzone herauszutreten und Neues zu erleben! Du wirst es nicht bereuen 😉