Rückkehrer: Tobias

Wo und für wie lange hast Du im Ausland gelebt?

Ich war von April 2013 bis Juni 2014 in Kanada und teilweise in den USA unterwegs und habe quasi einmal Nordamerika umfahren. Jetzt lebe ich wieder in Ochsenhausen, einer Kleinstadt südlich von Ulm, wo ich vorher auch schon gewohnt habe. Allerdings jetzt mit meiner Freundin zusammen, die ich in Kanada kennengelernt habe.

Vor Kanada war ich 2012 schon für 4 Monate von meinem deutschen Arbeitgeber (Photovoltaikbranche) in Australien. Allerdings wurde dieses Projekt wegen Insolvenz meines Arbeitgebers abgebrochen und ich musste wieder nach Deutschland zurück. Durch diese Insolvenz kam ich erst richtig auf die Idee länger ins Ausland zu gehen und habe mich näher mit Kanada beschäftigt.

Was war dort anders?

Während meines Australienaufenthalts (Brisbane) war es dahingehend anders für mich, dass ich für meine Arbeit selbst verantwortlich war. Klar hatte ich einen “Auftrag” von meiner Deutschen Firma, wie ich dies erledige, war aber mir überlassen.

Was man so über die Leute dort sagt, habe ich selber auch miterlebt. Die Leute sind offener gegenüber Fremden, aber es ist wohl erst oberflächlicher und es dauert eine Weile, bis man wirklich eine tiefere “Beziehung” eingehen kann. Aus arbeitstechnischer Sicht hat dieser Aufenthalt nicht viel gebracht, wohingegen es mir persönlich aber viel gebracht hat. Sei es die Sprache oder dass ich selber offener geworden bin.

Aus diesem Aufenthalt habe ich übernommen, dass ich freundlicher und dankbarer bin, als vorher. Da benutze ich die Wörter “Danke” und “Bitte” einfach öfters. Beispielsweise kannte ich vorher gar nicht, dass man sich beim Busfahrer bedankt. Dazu muss ich auch dazu sagen, dass ich vorher selten öffentliche Verkehrsmittel benutzt habe.

In Kanada waren meine längeren Aufenthalte an einem Ort eigentlich nur in den Wintermonaten von Dezember bis April via HelpX in einem Resort als Hausmeister und bei einer Familie, die ein altes Farmhaus renovierten. Wie die “richtige” Arbeitswelt in Kanada ist, kann ich nicht beurteilen, da ich dort eben nie für Geld gearbeitet habe, was auch nie mein Plan war.

Was mir in den USA aufgefallen ist, dass die US-Amerikaner sehr leicht zu beeindrucken sind und das auch nach außen zeigen. Da ist immer gleich alles “atemberaubend”, “wunderschön” etc., wo ich vielleicht “ganz nett” dazu sagen würde. Das ist mir in Kanada nicht in dem Maße aufgefallen.

Hilfsbereitschaft und Offenheit habe ich überall feststellen können. Man kommt zu jemand Fremden ins Haus, um Couchsurfing zu machen und schon hat man den Hausschlüssel in der Hand. So etwas ist in Deutschland schwer vorstellbar. Auch ich selbst habe damit immer noch meine Probleme, auch wenn ich oft fremde Hausschlüssel bekommen habe. Das liegt wohl auch daran, dass es in Deutschland meiner Meinung zu viele Idioten gibt.

Wie war es für Dich als Du nach Deutschland zurück kamst?

Die Heimkehr nach dieser Zeit war schon ein wenig anders, da ich doch über 14 Monate unterwegs gewesen bin und sich auch daheim einiges geändert hat. Für mich war es noch erstaunlicher, dass ich doch wieder schnell richtig angekommen bin. Nach eher ruhigen 4 Monaten Arbeitsplatzsuche hatte ich auch wieder einen festen Arbeitsplatz und der Alltag hatte mich komplett wieder. Ich muss sagen, dass ich ein sehr strukturierter Mensch bin und geregelten Ablauf gar nicht schlecht finde. Natürlich war es auch eine Freude meine Familie und Freunde nach so langer Zeit wieder zu sehen.

Was hast Du an Deutschland schätzen gelernt?

Speziell aus meiner Sicht ist ein großer Unterschied zwischen Deutschland und Kanada/USA/Australien/Neuseeland die technische Ausstattung. Ich finde, dass Deutschland in einigen Bereichen weiter bzw. detaillierter ist.

Sei es beim Malern, wo keine Abklebearbeiten gemacht wurden und einfach Türrahmen mit angestrichen werden. Oder Fenster, die im Winter festfrieren, weil sie einfach nicht gut konstruiert wurden. Und das waren sicher keine alten Fenster, sondern relativ moderne, die in Deutschland gar nicht zulassungsfähig sind. Was ich ganz absurd finde, sind Waschbecken mit 2 Wasserhähnen, einer für kalt und einer für warm. Also hat man die Wahl zwischen eiskalt und brühend heiß. Aber man möchte doch seine gewünschte Temperatur einstellen.

Ich wüsste nicht, dass ich so etwas irgendwann mal in Deutschland gesehen hätte, da sind Mischbatterien schon lange Standard, obwohl es eine amerikanische Erfindung ist. Was ich damit sagen möchte, ist, dass in Deutschland mehr auf Details geachtet wird. Es mag in den anderen Ländern auch funktionieren, es könnte aber noch besser sein. Dies ist was, was ich in Deutschland schätze, weil ich eben genauso bin. Allerdings könnte es auch hier regionale Unterschiede geben. Aufgrund meiner schwäbischen Herkunft bin ich auch einfach sehr pingelig.

Was vermisst Du aus Deiner Zeit im Ausland?

Der Plan war immer, Kanada zu erkunden, was ich soweit auch gut erreicht habe. Aus dieser Zeit vermisse ich diese Freiheit, einfach machen auf was ich Lust habe und einfach von A nach B zu fahren und sehenswerte Nationalparks anzuschauen. Ich mochte auch die Einsamkeit in der freien Natur, kein Dorf in der Nähe.

Keine Frage, ich habe meine längeren Auslandsaufenthalte sehr genossen, werde mich immer sehr gerne daran zurückerinnern (zusammen mit meiner Freundin), aber die Überlegung dauerhaft auszuwandern oder auch dauerhaft auf Reise zu sein, gab es nie. Dazu weiß ich meine Heimat einfach zu sehr zu schätzen.