Tom (2/3)

„Yukon = Freiheit“

Aber mit dem Einwandern ist das so eine Sache. Der Einwanderungsprozess selber ist im Prinzip einfach. Man erfüllt die Voraussetzungen, stellt einen Antrag und man erhält die Bewilligung. Vorab muss ein Englischtest gemacht werden. Später ist ein medizinischer Test Pflicht. Gebühren müssen bezahlt werden. Schritt für Schritt kommt man dem ersehnten Ziel näher, wenngleich es sich über einen Zeitraum von ein bis drei Jahren hinzieht.

In der Zwischenzeit lebt man sein Leben: arbeitet, reist, feiert, macht Sport, streitet sich mit der Exfrau, ärgert sich über vieles und freut sich über anderes. Das Leben geht eben weiter.

Falls der Einwanderungsprozess lange dauert muss das nicht schlimm sein. Man hat so viele Möglichkeiten die Zeit sinnvoll zu nutzen. Z.B. indem man sich in den Jahren eine gute Credit History aufbaut. Die nutzt man im Nachhinein. Ich habe mir ein Auto gekauft, ein Kajak, Langlaufskier, Schneeschuhe, Möbel, habe den Immobilienmarkt für meine späteren Zwecke beobachtet, habe Kontakte aufgebaut und vertieft. Alles braucht eben seine Zeit.

Warum bin ich anfangs nach dem ersten Sommer im Yukon zurück nach Vancouver gegangen? Cabin Fever! Whitehorse ist klein, ca. 27.000 Einwohner. Die verteilen sich überwiegend auf außenliegende Stadtteile. Wenn man dagegen nur in Downtown ist, ist es wirklich nicht sehr groß. Und ohne Auto kam ich nicht raus.

Whitehorse ist aber nicht der Yukon, und der Yukon ist nicht Whitehorse. Sobald man aus Whitehorse heraus kommt offenbart der Yukon sich von seiner wahren Seite.  Man hat sofort ein Gefühl von Freiheit. Echter Freiheit.

Weil man auf den Highways kilometerweit alleine ist. Weil die Natur und die Strecken sehr weit sind. Weil man unterwegs auf zahlreichen Campingplätzen nicht selten sogar alleine ist – auch in der Hochsaison. Weil man bei einem Lagerfeuer auch die Weite der eigenen Zeit erkennt. Und schließlich sieht man Seen und Flüsse und fragt sich was hinter der nächsten Biegung wohl ist. Und man erkennt: Noch mehr Weite und unberührte Natur.

Den Wilden Westen gibt es heute immer noch. Nur nicht mehr in Kalifornien sondern im Yukon, in den Northwest Territories und in Alaska, im Norden Kanadas und der USA also. Man spürt es sofort wenn man hier ist. Aber das hatte ich nicht erfahren können ohne Auto. Und so fiel mir die Decke auf den Kopf und ich musste weg.

In jenem ersten Jahr in Kanada und im Yukon verstand ich nicht, wieso Menschen noch tiefer in der Wildnis leben wollen, off the grid, fernab der Zivilisation. Vielleicht ohne Strom und Telefon, ohne Handy und Internet aber auf alle Fälle. Das Klo nur ein Outhouse. Das Haus nur eine Hütte. Die Wasserleitung nur ein Wassereimer. Das Aufdrehen der Heizung stattdessen das Hacken von Holz.

Im zweiten Jahr war ich einen Schritt weiter. Man gewöhnt sich an die langsamere Geschwindigkeit des Lebens, die Ruhe, den Geruch sauberer Luft und die grüne Farbe der durch Gletscherwasser gespeisten Seen und Flüsse.

Ich verstand die Vorzüge und ich hätte mir durchaus vorstellen können außerhalb Whitehorse – aber dennoch in schneller Reichweite – eine Cabin zu haben.