Wajdy (2/2): Und dann veränderte der Krieg alles

„Entweder er wird getötet oder muss dienen. Und wenn er dient, dann wird er von Terroristen getötet“

 

Vor 2001, als die Krise begann, hat mich niemand nach meinem Personalausweis gefragt, keiner hat mich angefasst, du konntest überall hingehen. Ich war nicht verpflichtet dazu, einen Personalauswies mitzunehmen, ich musste ihn nicht zeigen.

 

Anfang 2012 musste ich dann überall wo ich hin ging meinen Personalausweis zeigen. Sie haben Barrieren aufgebaut, Sicherheitszonen. Wenn du durch die Barrieren und nach Hause, in deine Nachbarschaft, wolltest, musstest du deinen Personalausweis zeigen.

 

Wenn dich ein Sicherheitsmann nach deinem Ausweis gefragt hat, konntest du nicht sagen „ich hab ihn zu Hause vergessen“. Du MUSSTEST ihn dabei haben.

 

Wenn du deinen Ausweis nicht dabei hattest,

wurdest du getötet oder verhaftet.

Du bevorzugst es dann, getötet zu werden und

nicht ins Gefängnis zu gehen.

Du verschwindest, wenn du ins Gefängnis musst.

 

Die Dinge wurden schlimmer.

 

Ich bin vom Militär befreit, ich kann nicht dienen, weil ich eine Krankheit habe.

Ende 2013, Anfang 2014, gab es eine Gegend, wo du dich darauf vorbereiten musstest, der Armee beizutreten.

Die Freie Armee entführte meinen ältesten Bruder und wir mussten unser Haus verkaufen, um das Lösegeld zu bezahlen.

 

Mein anderer Bruder hat 2001 gedient und sie riefen alle jene Leute zurück und sagten „du musst zurück zum Militär kommen“.

 

Zu jener Zeit gehörte ihm eine Apotheke, er hatte ein Geschäft, eine Frau und Kinder.

 

Wie hätte er es tun können? Er dachte über eine Lösung nach, um dem Problem zu entkommen.

 

Entweder er würde getötet werden oder

er musste dienen.

Und wenn er dient,

dann würde er von Terroristen getötet werden.

 

Er flüchtete.

 

Das ist nur EIN Beispiel eines normalen Bürgers in Syrien.

 

„Ich konnte mir kaum Reis oder Kartoffeln kaufen und essen“

Von 2011 – 2013 arbeitete ich für eine Firma, aber nachdem ich meinen Job verlor, wurden meine Lebensumstände verrückt. Ich konnte mir kaum Reis oder Kartoffeln kaufen und essen, es war zu teuer für mich und für Millionen Leute wie mir.

 

Manchmal hat mir mein Nachbar jeden Tag Essen gebracht,

weil es mir nicht möglich war, Essen zu kaufen.

 

Also was kann ich tun? Töten? Ich kann nicht töten. Stehlen? Meine Familie hat mich nicht so erzogen.

 

Anfang 2014 musste ich mein Haus verkaufen und mietete und lebte in einem kleinen Geschäft, das ich mit meinem Bruder teilte. Unsere Finanzen wurden ein bisschen besser. Wir mussten die Barrieren um uns herum kaufen, damit sie uns in Ruhe ließen.

 

„Oftmals habe ich Leute direkt vor mir sterben sehen. Kinder, Männer, Nachbarn“

 

Eineinhalb Jahre lang habe ich jeden Tag gebetet, denn zu dieser Zeit hätte ich jeden Tag sterben können.

 

Oftmals habe ich Leute direkt vor mir sterben sehen.

Kinder, Männer, Nachbarn. Viele Menschen.

Sie waren im Bus. Der Bus fuhr 120km/h und Menschen wurden erschossen. Man sieht überall Blut. Sie wurden von Scharfschützen erschossen.

 

Das war 2013.

 

Es gab eine Gegend ungefähr 5km von dem Ort entfernt, in dem ich lebte und ich konnte die Bomben die ganze Zeit hören. Die Menschen aus dieser Gegend flüchteten in meine Nachbarschaft.

 

Manchmal haben sie Kontrollen von Block zu Block gemacht. Ungefähr 150 Soldaten gingen durch die Nachbarschaft. Sie kamen in mein Haus. Manchmal sind sie in das Haus eingebrochen oder sie haben geklopft. Wenn es ein respektvoller Mann war, hat er geklopft.

 

Ich habe in Angst gelebt.

 

„Ich hatte die Wahl zwischen gefangen werden oder getötet werden“

 

2012, ich werde es nie vergessen, hat die Freie Armee – wie sie sich nannten, aber sie sind Terroristen – angefangen Leute gefangen zu nehmen, damit sie auf der Straße demonstrieren.

 

Aber wir wollten einfach nur in unseren Häusern leben, wir wollten keine Probleme haben.

Als sie das erste Mal kamen, töteten sie Soldaten und Polizisten.

Beim zweiten Mal auch.

Beim dritten Mal hat die Armee der Regierung angefangen zu bombardieren und sie kamen mit Panzern und Spezialeinheiten.

 

Du musstest nahe einer Wand oder im Türrahmen stehen, um dich zu schützen.

Du konntest nicht in den Keller gehen, weil sie direkt in den Keller geschossen haben.

Es wurden viele Kinder auf diese Weise getötet.

 

Es gab mehr als 200 Tote nach dieser Aktion – allein in meiner Gegend.

 

Ich habe abgewaschen und plötzlich kam eine Kugel durch das Fenster und kollabierte über meinem Kopf. Ich bekam zerbrochenes Glas in meine Hand, ich habe immer noch Narben davon, aber ich wollte nicht ins Krankenhaus gehen und blieb zu Hause.

 

Sie haben versucht mich meine Befreiung vom Wehrdienst rückgängig zu machen. Sie wollte, dass ich für die Miliz kämpfe. Ich sagte „Ich bin ein kranker Mann, ich kann das nicht machen“. Sie sagten „Ob du krank bist oder nicht können wir nicht wissen“.

 

Ich hatte also die Wahl zwischen gefangen werden oder getötet werden.

 

2014 begannen sie das Gleiche in einer anderen Gegend zu machen,

sie haben jeden entführt.

 

Ich sah mit eigenen Augen 20 Körper ohne Kopf. Wir taten so als hätten wir nichts gesehen, ich glaube, es waren Terroristen.

 

Zu dieser Zeit wurden 550 bis 600 Menschen getötet. Und ich erzähle hier nur von MEINER Gegend.

 

Was ist mit all den anderen Gegenden?

 

Selbstmordattentäter

An den Barrieren, die von der Regierung geschützt waren, war es schwierig, eine ehrliche Person zu finden. Wenn Du einen Lastwagen hast und du transportierst Gänse oder was auch immer, dann kannst du die Barriere nicht passieren ohne Geld zu bezahlen. Viel Geld.

 

Wenn ich komme und dir sage „lass mich rein“, aber du kennst mich nicht, dann wirst du mein Auto überprüfen, ich gebe dir Geld. Beim zweiten Mal passiert das Gleiche. Beim dritten Mal überprüfst du mein Auto nicht mehr, denn du kennst mich und ich bezahle Geld. Danach: Bombe.

 

Und dann verließen Wajdy und seine Brüder Syrien

Mein Bruder hat Syrien verlassen, weil sie wollten, dass er für sie kämpft. Er verkaufte seine Apotheke und nach 2 Monaten (2015) verließen wir Syrien. Seine Frau und Kinder blieben in Damaskus und sie kamen dann mit einem Visum nach Österreich mit der Hilfe einer österreichischen Organisation.

 

Ich habe immer noch Familie, um die ich mich sorge. Die Gegend, in der sie sind, ist jetzt besser als die Gegend, aus der ich komme. Meine Gegend war von allen Seiten umzingelt, sie waren außer Kontrolle.

 

Ich kam hierher, ich verkaufte alles, mein Haus.

 

Meine Brüder und ich hatten Glück.

Die Menschen von Syrien werden sich ihr ganzes Leben lang

an den Gefallen erinnern, den Deutschland ihnen getan hat.

 

Wir schulden Deutschland etwas. Das werden wir immer tun.