Was können wir von Playcentre lernen?

Entspanne! Lass los! Vertraue!

Was mich am Meisten am Playcentre-Konzept beeindruckt, ist das Vertrauen ineinander. Das Vertrauen in die Kinder und ihre Eltern, das Vertrauen der Eltern in ihre Kinder, das Vertrauen zwischen den Eltern. Gestärkt wird dies durch die Wertschätzung von offizieller Seite: Des Playcentre Verbandes.

Eltern und Kinder werden so akzeptiert, wie sie sind. Es stärkt ihre Rollen als Eltern, als Kinder. Damit wird Kindern und Eltern der Druck genommen. Sie können und dürfen so sein wie sie möchten.

Um das zu ermöglichen gehört eine enorme Portion Mut und Vertrauen. Mut, sich gegen Kritik zu stellen. Vertrauen in die eigene Elternrolle. Playcentre Eltern erwecken bei mir den Eindruck, dass sie den Mut haben sich gegen den allgemeinen Strom zu stellen. Sie lassen ihre Kinder machen, was sie wollen, lassen sie experimentieren, lassen sie explorieren und das ohne Druck auszuüben.

Im Vordergrund steht nicht der Anspruch, dass das Kind bereits bei der Einschulung lesen und schreiben kann und bereits seine zweite Ballettprüfung bestanden hat. Sie zeigen sich unbeeindruckt von dem gegenwärtigen Leistungsdruck, dass Kinder am besten im frühen Alter eine Fremdsprache lernen oder beim Halbmarathon teilnehmen sollten.

Sie sind entspannt und lassen los, lassen ihre Kinder laufen. Sie vertrauen in die natürliche Entwicklung ihrer Kinder und vertrauen vor allem in ihre Fähigkeiten als Eltern – da zu sein, wenn sie gebraucht werden, anzuleiten, wenn sie gefragt werden.

In Deutschland und Kanada habe ich es oft erlebt unter welchem Stress Eltern stehen und teilweise sogar in Konkurrenz zueinander. Deutsche und kanadische Eltern wollen – wie alle Eltern- nur das Beste für ihre Kinder, möchten sie fördern und übersehen manchmal, dass sie ihre Kinder damit überfordern. Müssen Kinder heutzutage nach der Ganztagsschule wirklich noch in den Sportverein? Sollte Teamsport nicht eher in die Schule integriert werden?

Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich nach 16 Uhr kaum noch Kinder auf der Straße oder im Wald. Auf der Straße spielende Kinder sehe ich höchstens in sozial benachteiligten Stadtteilen und obwohl manch einer argumentieren würde, dass diese Gruppe von Angeboten ausgeschlossen wird, denke ich mir „Ihr habt’s gut, ihr könnt draußen spielen, frei sein, kreativ sein“.

Mehr Gemeinschaftsgefühl!

Für Eltern wird es immer schwieriger in einer anonymisierten Gesellschaft zwischen gestiegener Mobilität, Karriere und Anforderungen eine Eltern-Gemeinschaft zu finden. Dabei ist das Gefühl zu einer Gemeinschaft dazu zu gehören und mit Gleichgesinnten verbunden zu sein extrem wichtig für unser Wohlbefinden. Es gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen.

Gerade Eltern, die in eine andere Stadt, ein anderes Land und damit von ihrer Familie wegziehen, sind auf ein neues Unterstützungsnetzwerk am neuen Ort angewiesen, das sie sich erst einmal wieder aufbauen müssen.

Das kann die Nachbarschaft sein, der Sportverein, die Spielgruppe für Kleinkinder, die Elterninitiative des Kindergartens oder der Schule. Oder aber mit einem Playcentre…

Mit Playcentre wird ein Ort geschaffen, an dem eine erweiterte Familie kreiert wird, ein Netzwerk von Freunden und Gleichgesinnten, auf das zurückgegriffen werden kann.

Würde ein Konzept wie das des Playcentres angenommen werden? Wenn nicht, welche Alternativen gäbe es?

Was wäre, wenn man eine Mischform von Playcentre und einem regulären Kindergarten kreieren würde? Wäre es möglich, dass reguläre Kindergärten sich öffnen und jeden Nachmittag (oder vielleicht sogar Vormittag?) Eltern am Kindergartenalltag teilhaben lassen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, gemeinsam mit ihren Kindern Zeit im Kindergarten zu verbringen?

Hierzu gibt es bereits verschiedene Formen wie Elterninitiativen (Deutschland), bei denen Eltern für 1-1,5 Stunden zu Besuch im Kindergarten sind oder Parent Participation Preschools (Kanada), bei denen Eltern ein bis zweimal im Monat einen Tag lang aushelfen im Kindergarten und an Teamsitzungen teilnehmen, um mehr über den Bereich Frühkindliche Bildung zu lernen.

Doch wird hier auch ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt, bei dem Eltern Zeit mit anderen Eltern und ihren Kindern verbringen und sich mit anderen Eltern austauschen können?

Bikulturalität und Integration

Integration und Inklusion sind DIE Schlagworte unserer Zeit. Wir bemühen uns alles und jeden zu integrieren, zu inkludieren. Insbesondere die Frage nach der Integration von anderen Kulturen und Traditionen ist ein Dauerthema, dem sich niemand mehr entziehen kann.

Durch die Flüchtlingsbewegung in Deutschland kommt die Frage auf, wie Flüchtlinge integriert werden können. Thesen dazu gibt es viele. In Kanada besteht für mich die Frage, inwieweit die First Nations wirklich in der Praxis integriert sind.

Denn das, was auf dem Papier steht, stimmt nicht immer mit der Praxis überein.

Es ist wichtiger denn je, dass wir uns bewusst darüber sind, wer in unserer Gesellschaft lebt, um einschätzen zu können, welche Kulturen und Traditionen bekannter gemacht und mit Mythen aufgeräumt werden sollte.

Doch wo sollen wir damit anfangen? Für mich ist die Antwort ganz klar: Bei den Kindern!

Und hier kommt wieder Playcentre als Vorbild ins Spiel!

Die Bestrebungen des Playcentre Verbands zur Integration der Maori hat für mich Vorbildfunktion, weil uns gezeigt wird, wie die Grundlagen für eine gelingende Integration durch geschaffen werden.

Hier noch einmal ein Ausschnitt aus dem Interview mit Veronica Pitt, wie sie die Integration der Maori durchführen auf der Ebene der Kinder

“dass jeder Playcentre traditionelle Kostüme hat, die die Kinder anziehen können und wir singen Lieder. In jedem Playcentre hängen Schilder und wir ermutigen Eltern, die Maori Sprache zu benutzen und die Maori Kultur zu respektieren”

wie auch auf der Ebene der Fachkräfte

“Auf nationaler Ebene haben wir in unserem Verwaltungsvorstand drei Maori gewählt und drei Nicht-Maori. Wir treffen unsere nationalen Entscheidungen zusammen in einem 2-Haus-Modell. (…) Dann geht die Vereinbarung von jedem Haus zu einem Verhandlungsraum zwischen den Häusern und eine endgültige Entscheidung wird für die Organisation als Ganzes vereinbart.

Wir versuchen, die Partnerschaft zwischen den beiden Kulturen auf diesem Niveau zu gestalten.” 

Wir, die Erwachsenen,  schaffen die Rahmenbedingungen, die Umwelt, in der unsere Kinder aufwachsen. Es fängt mit Erziehung und Bildung an und was wir Kindern vorleben. Kinder lernen durch Imitation, sie lernen das, was wir ihnen vorleben.

Wir müssen uns bwusst darüber sien, dass wir, die Erwachsenen, die Rahmenbedingungen für eine gelingende Integration schaffen.

Das neuseeländische Kindergarten Curriculum trägt übrigens den Namen „Te Whariki“, ein Maori-Wort und übersetzt bedeutet es

„eine Matte, auf der alle stehen können“ – Ein gemeinsamer Boden, auf dem ALLE ihren Platz finden.